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[Etüdensommerpausenintermezzo II-2020] Locke Down reloaded – Noch mehr aus den Tonsur Diaries

Die Etüden haben Sommerpause. Die Folge ist ein die Pause unterbrechendes Konstrukt mit der sprechenden Bezeichnung Etüdensommerpausenintermezzo, in welchem konsequenterweise Etüdensommerpausenintermezzoaufgaben gestellt werden. Bei der Länge dieser Wortkombinationen hätten meine Bekannten aus Tschechien ihre wahre Freude, die lachen sich nämlich schlapp über unsere Angewohnheit, die Wörter derart zusammenzusetzen und zu verlängern. Aber sei es drum …

Die Etüdensommerpausenintermezzoaufgabenregeln sind den der Etüden ähnlich, nur dürfen wir hier 7 von den 12 Wörtern wählen, allerdings sollte wenigstens ein Teil der Geschichte an einem echten (öffentlichen) Ort spielen. Meine Lieblingsetüdensommerpausenintermezzoaufgabenregelerstellerin Christiane hat in ihrem Blog alle Details dazu veröffentlicht. Die 12 Wahlworte lauten:

Blaupause
Diätwahn
Herzschmerz
Kantine
Kommentar
Ohrenkneifer
Sahnewölkchen
Stoppelfeld
Strandkorb
Vulkan
Windjammer
Zwischentöne

Dass mein lieber E. diese nun folgende Etüde aufgebrummt bekommt war erst nicht geplant. Aber ich musste diese spektakuläre „Locke Down“-Idee ja irgendwem andichten. Und da ich im Buch nie über seine Frisur sprach, drängte sich das förmlich auf.

Und wie im gestern vorausgegangenen Verdicht erwähnt, will E. das Trauerspiel um seine abgängigen Locken gerne der Nachwelt erhalten.

So dann …

[Sommerpausenintermezzoetüde an] 

Britzer Garten Berlin
Selbst jeknipst und bei Pixabay hochjeladn

„Im Britzer Garten sitz‘ ich hier,
und trinke eine Flasche Bier.“

Nein, zum Reimen war E. wahrlich nicht geboren. Das war ihm schon seit dem Deutschunterricht in der Schule klar, als ihn die Mitschüler beim Rezitieren von Gedichten immer mit störenden Zwischentönen vom Fortfahren abhalten wollten. Was ihn weder früher, noch jetzt und schon gar nicht später daran hindert es immer wieder einmal zu versuchen. Denn vielleicht änderten sich Dinge ja mal von allein zum Bessern. Aber nach Jahren des Versuchens musste er irgendwann erkennen, dass das für seine Reime schlicht nicht zutraf.

So sitzt er nun, wie so gerne und häufig, im Strandkorb im Britzer Garten, schaut auf den See auf dem ein Schwan seine Bahnen zieht, kratzt sich am Hinterkopf und denkt nach. „Ja, auch da waren mal Locken“ braut sich ein Gedanke in ihm zusammen. „Was ist nur aus denen geworden? Und warum?“ 

E. wäre aber nicht E., wenn er nicht in seiner unnachahmlichen Art aus der Haarnot eine Tugend gemacht hätte. Daher hatte er sich vor kurzem entschieden seine ganz persönliche Geschichte des schleichenden Haarausfalls zu verschriftlichen, und so der Nachwelt zugänglich zu machen, auf dass sie sehe, lerne und das Leid mit ihm teile. Schließlich hatte er mal eine wunderschöne Lockenpracht, und das will er dieser nicht vorenthalten. Er entschied sich aber aus erwähnten Gründen gegen die Gedichtform, das sollen andere machen, wenn sie unbedingt wollen.

Die Geschichte handelt nun also von einer Pracht, die im Laufe des Lebens zunächst dünn wurde. Dann dünner. Dann spärlich. Dann wich sie fast völlig zurück, und ist seither praktisch nichtexistent. Und da das übrige Stoppelfeld auf seinem Kopf im aktuellen Stadium einen geschlossenen Resthaarkranz bildet, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich der erste Bekannte zu einem Kommentar hinreißen ließ, dass E.’s Fri- eher einer Tonsur glich. Erst ärgerte ihn das, dann nahm er es zunehmend mit Humor, und irgendwann entschloss er sich ein paar Haarnekdoten aufzuschreiben.

Ein paar waren seither zusammengekommen. Darin geht es unter anderem um seinen Stamm- und Lieblingsfriseur namens Volkan. Dessen Name schrieb sich zwar wie Vulkan und hat auch dieselbe Bedeutung. Sprach man halt aber anders aus, und darauf legte er wert. Fair enough. Aber spätestens als Volkan ihn das erste Mal nicht mehr fragte: „Na E., so wie immer und die Ohren frei?“, ihm stattdessen für den Haarschnitt nicht einmal mehr etwas berechnen wollte, da hätte es ihm auffallen müssen, dass Dinge mittlerweile anders waren. Das tat es aber erst, als das Trinkgeld das erste Mal höher war als die eigentliche Rechnung.

Oder was war das für ein Moment als er kurz nach dem Mauerfall 1990 mit Mitte 30 erkannte, dass er mit seiner mittlerweile hohen Stirn aussah wie Art Garfunkel. Auch wenn seine Lockenpracht nie länger, sondern eher breiter wurde wenn sie wuchs, und sie dann eher einer Clownfrisur ähnelte. Der Schwan, mittlerweile fünf Meter vor ihm galant aus dem See geglitten, sieht das wohl genau so.

Berlin Britzer Garten
Selbst jeknipst und bei Pixabay hochjeladn

„Ach ja, was die Zeit so an Geschichten schreibt“ denkt er und schaut auf die Uhr. „Oh, nun aber schnell“ entfährt es ihm. Gerade noch rechtzeitig um 15.10 Uhr macht er sich dann auf den Weg durch den südwestlichen Garten, vorbei am Rhododendronhain und dem Schilf mit Wasserlilie zur Kantine (die eigentlich Lesecafé Karl-Foerster-Pavillon im Britzer Garten heißt), damit er pünktlich um 15.30 Uhr einen Kaffee und ein Stück Kuchen bekommt. Schließlich ist Sonntag, da ist das besonders wichtig. Um seinem schweigend-inneren Protest gegen den ausufernden Diätwahn Ausdruck zu verleihen bestellt er, wie immer, den Mohnkuchen mit Zuckerdecke und extra einem Sahnewölkchen. 

Hier nimmt er seine Manuskripte wieder zur Hand, schaut Richtung Rosengarten, und will endlich noch einen passenden Titel für das Ganze finden. Daran beißt er sich jetzt schon seit Tagen die Zähne aus. Verschiedene Ideen gingen ihm bereits durch den meist unterkühlten Kopf:

  • „Locke Down – Mein Leben als Berliner Kahlkopf“ oder
  • „Locke Down – Days of Haarschnitt and Frisur“ oder
  • „Ich – Einfach sehr glatthaarig“

Es müssen dann der Kaffee und das versehentliche Einnehmen des Bodensatzes gewesen sein die ihm die Erkenntnis brachten.

Und so nennt er das Werk schließlich „Die Memoiren – Das Tagebuch über das Haaren“. Wie das dann wohl auf englisch hieß‘? Na klar, „The Tonsur Diaries“.

Geht doch.

[Sommerpausenintermezzoetüde aus]

– Der BerlinAutor

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